Die Macht der Instinkte

Die Macht der Instinkte

Wir glauben gerne, dass zwar unser Hund instinktgesteuert ist – wir selbst hingegen in erster Linie von der Vernunft gesteuert werden. Die Forschung erklärt uns aber, dass auch wir Menschen seit Urzeiten von Instinkten gelenkt werden. Das Enneagramm spricht ebenfalls von der Instinktenergie.


Wollen, was man will?

Ich möchte einmal mutig voraussetzen, dass Sie an die Evolution glauben. Wenn wir uns auf diese Grundannahme verständigen können, möchte ich mit einem Zitat von Schopenhauer fortfahren, der mit Sicherheit noch keine Kenntnis von Darwins Evolutionstheorie hatte: “Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.” Lange bevor man uns durch die neuen bildgebenden Verfahren beim Denken zusehen konnte, hat der berühmte Philosoph allein durch ausgiebige Selbstbeobachtung erfasst, dass wir Bedürfnisse haben, die nicht von der bewussten Gedankenwelt gesteuert werden.

Alte Software ohne Update

Greifen Sie vielleicht auch – wie ich – häufiger in die Vorratsdose für Schokolade, als Sie sich eigentlich gestatten wollen? Sie sind nicht allein! Unser Verlangen nach Süßem stellt, wie viele andere Bedürfnisse, aus evolutionsbiologischer Sicht einen enormen Vorteil dar: Unsere Vorfahren nahmen gleichzeitig mit dem Verzehr von süßem Obst oder Honig auch lebenswichtige Vitamine und Mineralstoffe auf. Wenn sich also Gelegenheit dafür bot, musste man unbedingt zugreifen.

Süßes gibt es inzwischen an allen Ecken und zu jeder Zeit, und die meisten von uns konsumieren viel mehr davon, als dem Körper guttut. Aber: Was wir wollen und was wir fühlen, wird noch immer größtenteils von Programmen bestimmt, die zwar „steinzeitlich“ sind, die aber immer noch in unseren Genen festsitzen und unser instinktives Verhalten steuern.

Wir moderne Menschen glauben also, dass unser Hund instinktgesteuert ist, wir aber in erster Linie durch die Vernunft gelenkt sind. Ob es uns jedoch gefällt oder nicht, auch unser Verhalten hat evolutionäre Wurzeln, und viele unserer Reaktionen und Handlungen basieren immer noch auf unseren unbewussten evolutionären Zielen und werden durch diese gesteuert. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir Menschen genauso instinktives Verhalten zeigen, d.h. Verhalten, das nicht von unserem Bewusstsein gesteuert wird. Wir alle haben Bedürfnisse, die nicht durch Lernen erworben wurden, wie das Bedürfnis nach Nahrung, Sicherheit, soziale Einbindung, Wertschätzung, Intimität. Sie zu erfüllen treibt uns immer noch an und sichert unsere Existenz.

Unsere unbewusst wirkende evolutionäre Vergangenheit liefert uns ein unkompliziertes System, das uns weiterhin in vielen Bereichen durch ein Leben navigiert, das auf das Leben unserer Vorfahren in freier Wildbahn abgestimmt ist und so manch notwendiges Update nicht erfahren hat. Man kann daher sagen, dass viel von unserem Verhalten anachronistische Merkmale aufweist, weil die Umwelt, in der wir heute leben, nicht mehr jener gleicht, in der sie sich entwickelt haben.

Alte Bedürfnisse in neuem Gewand

Was im Pleistozän nützlich war, ist in unserer modernen Welt nicht immer dienlich. Die Bedrohungen des Lebens haben sich grundlegend geändert, die Instinkte arbeiten jedoch weiterhin nach alten Mustern, nur eben in neuem Gewand. Es lohnt sich daher genau hinzuschauen, worauf wir unsere mentale und emotionale Energie immer wieder ohne zu überlegen richten. Manche unserer spontan auftauchenden Bedürfnisse, Reaktionen und Wünsche halten einem nüchternen Realitätscheck aus heutiger Sicht wohl nicht stand, auch wenn wir im Moment glauben, sie seien unverzichtbar.

Unsere Instinkte reagieren schnell und energieeffizient, aber sie verschließen sich dem bewussten Zugang. Normalerweise nehmen wir die Instinkte, die hinter unseren Bedürfnissen und dem daraus resultierenden Verhalten stecken, als solche nicht wahr. Hingegen erkennen wir die damit verbundenen Gefühle. Wenn wir uns beispielsweise ängstlich fühlen, brauchen wir vermutlich körperliche oder emotionale Sicherheit, und wenn wir uns einsam fühlen, haben wir das Bedürfnis nach Beziehung. Es geht also zunächst einmal darum, Gefühle wahrzunehmen und einzuordnen.

Für die Erfüllung unserer Bedürfnisse gibt es zahllose Strategien. Ob wir beim Anflug von Einsamkeit uns mit jenen in Kontakt setzen, die uns lieb sind, ins Stammwirtshaus gehen oder unsere virtuellen Freunde im Internet aufsuchen, obliegt unseren individuellen Vorlieben, die nicht zuletzt durch Erziehung und Umwelt geprägt sind. Die Erfüllung der angeborenen Grundbedürfnisse ist also jeweils kulturell überformt. Deshalb sind sie nicht immer so leicht in ihren Ursprüngen identifizierbar.

Instinktausprägung als Teil der Persönlichkeit

Der Grad der Kenntnis über uns selbst ist ganz entscheidend dafür, wie wir uns in der Welt orientieren und unsere Entscheidungen treffen. Je besser wir mit uns selbst bekannt sind, desto „richtiger“ sind die Entscheidungen, die wir treffen, weil sie unseren wahren Bedürfnissen entsprechen. Denn nicht selten stellt sich im Nachhinein heraus, dass, was uns in unserer Gefühlsaufwallung so großartig erschienen ist, die Energie und den Aufwand nicht wert war. Wenn wir unserem Automatismus blind gehorchen, ist diese Gefahr allerdings groß! Daher lohnt es sich, wenn wir uns Klarheit darüber verschaffen, in welcher Form uns die Instinkte überwiegend im Griff haben.

Um uns diese Aufgabe zu erleichtern, gehen wir im Enneagramm von drei Grundinstinkten aus, die unser Überleben als Spezies gesichert haben: Selbsterhaltungsinstinkt, Sexualinstinkt und Sozialinstinkt. Diese Instinkte veranlassen uns,

  • unser Leben zu erhalten,
  • unser Erbgut weiterzugeben,
  • Verbindung mit anderen zu schaffen.

Was wir fühlen und was wir wollen, wird größtenteils noch immer von diesen urzeitlichen Programmen bestimmt.

Der Affe in uns

Heute müssen wir zwar nicht mehr an jeder Ecke einen lauernden Säbelzahntiger befürchten, der uns gerne als Gabelfrühstück hätte. Ein permanenter Flucht- oder Angriffsreflex, der dem Grundbedürfnis nach Selbsterhaltung bzw. Sicherheit entspringt, wäre in der überfüllten U-Bahn fehl am Platz, das damit einhergehende Gefühl kann aber jede/r nachvollziehen. Eher angebracht ist dagegen der automatische Griff nach der Geldbörse, wenn uns jemand zu nahekommt.

Diese uns steuernden steinzeitlichen Programme mögen zum Teil extrem altmodisch sein, aber sie sind zu mächtig, um sie zu ignorieren, denn sie sitzen in unseren Genen und steuern unser Verhalten. Um es mit den Worten des großen Evolutionsbiologen E.O. Wilson zu sagen, die Biologie hält uns immer an der Leine. Oder noch etwas eindrücklicher formuliert: Man kann den Affen aus dem Urwald nehmen, aber nicht den Urwald aus dem Affen. (Frans de Waal).

Wir können demnach nicht leugnen, dass wir angeborene Instinkte haben, wir brauchen jedoch keine blinden Akteure dieses genetischen Programms zu sein! Aufgrund der phänomenalen Entwicklung unseres Geistes sind wir den eigenen Trieben nicht mehr völlig ausgeliefert – aber es ist gut, wenn wir uns ihrer Existenz bewusst sind. Was das Enneagramm dazu sagt, lesen Sie demnächst an dieser Stelle.

Zum Weiterlesen:

Bargh, John, Vor dem Denken. Wie das Unbewusste uns steuert. Droemer, München 2018

Eagleman, David, Inkognito. Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns. 4. Aufl., Pantheon, München 2020

Pinker, Steven, Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur. Frankfurt am Main, Fischer 2018

Voland, Eckart, Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2013,