In der Krise nicht die Krise kriegen

In der Krise nicht die Krise kriegen

Für den Umgang mit der Corona-Krise in den Medien mag zutreffen, was einst der Humorist Karl Valentin bei anderer Gelegenheit anmerkte: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen“. Eine „enneagrammatische“ Sicht darauf soll zumindest auch nicht fehlen.


Einfach gefragt – was ist eine Krise?

Dass wir uns weltweit in einer Krise befinden, kann niemandem entgehen, denn die Medien konfrontieren uns tagtäglich damit. Aber was genau ist eine Krise?

Laut Duden bezeichnet Krise eine schwierige Situation oder eine Zeit der Gefährdung. Wahrscheinlich sind Sie und ich uns darin einig, dass dies derzeit zutrifft. Und was bedeutet es auf der ganz persönlichen, psychodynamischen Ebene, sich in einer Krise zu befinden? Da sprechen wir von Krise, wenn ein Mensch mit Ereignissen oder Lebensumständen konfrontiert wird, die er im Augenblick nicht bewältigen kann.

Global betrachtet befinden wir uns alle im Krisenmodus. Der Grad der individuellen Betroffenheit ist jedoch sehr unterschiedlich – je nachdem, wie stark uns die Krise ökonomisch und psychisch trifft.

Der Umgang mit der Krise – „enneagrammatisch“ betrachtet

Viel ist darüber zu lesen und zu hören, was wir am besten tun sollten, um in der Krise nicht die Krise zu kriegen und daraus vielleicht sogar noch gestärkt hervorzugehen. Diesbezüglich gilt, was der spitzfindige Humorist Karl Valentin bemerkte: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen“.

Ich möchte dem Chor der vielen Ratgeber noch etwas draufsetzen und mit der „enneagrammatischen Brille“ den Blick auf jene Stärken der neun Typen lenken, die uns in dieser außergewöhnlichen Situation besonders zupasskommen. Gleichzeitig möchte ich auch vor der Übertreibung ebendieser Stärken mit einem großen Ausrufezeichen warnen. Wenn sich nämlich unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf unsere besonderen Begabungen fokussiert, kann daraus eine Falle werden. Tappen wir in diese hinein, werden unsere großen Stärken zu gefährlichen Schwächen. (Siehe unten)

Worin sind wir Champions und wie stärkt uns das in der Krise? Und andererseits, welche Herausforderungen ergeben sich aufgrund dieser inneren Dynamik für uns? Was können wir daraus lernen, um vielleicht tatsächlich gestärkt daraus hervorzugehen?

Ein grober Überblick

Typus 1 – Perfektionist

Einser fragen, was die Regeln sind und machen sich unverzüglich daran, sie penibel einzuhalten. Sie kaufen Masken, die von Medizinern empfohlen werden, und sorgen für einen reibungslosen Ablauf des Alltags für die ganze Familie.

Nicht immer ist die Grenze zwischen falsch und richtig wirklich eindeutig, und das Bedürfnis, andere zu einem ebensolchen „korrektem“ Verhalten zu bekehren, wird selten dankbar aufgenommen. Den Impuls zur Belehrung im Zweifelsfall lieber unterdrücken!

 

Typus 2 – Helferin

In der Krise machen Zweier, was sie immer tun: sie helfen. Kaum jemand, dem sie begegnen, der kein aufmunterndes Lächeln erhält. Ihre vorletzte Rolle Toilettenpapier treten sie großzügig an den Nachbarn ab.

Auch Zweier haben Bedürfnisse. Sich diese einzugestehen, bereitet ihnen jedoch große Mühe, und gar selbst um Hilfe zu bitten, scheint für sie ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Die Krise kann auch als Gelegenheit genützt werden, das Nehmen zu lernen!

 

Typus 3 – Macher

Effizienz gibt Dreiern auch in der Krise Schwung. Ungewöhnliche Situationen bringen sie auf neue Ideen, die sie meist geschickt umsetzen. Sie sind entschlossen, Widrigkeiten, die ihnen entgegenschlagen, zur persönlichen Erfolgsstory zu machen.

Der starke Wunsch, die Krise tatsächlich als Chance zu nützen, lässt Gefühle, die dabei eventuell hochkommen, im Arbeitseifer ersticken. Vielleicht ist gerade jetzt eine gute Zeit, für die eigenen Gefühle etwas durchlässiger zu werden.

 

Typus 4 – Individualistin

Wenn Vierern die Welt draußen nicht mehr gefällt, ziehen sie sich zurück in ihre eigene. Dort schaffen sie Gedichte, Musik, Tiktoks oder füllen ihr Tagebuch mit der Beschreibung ihrer Gefühle…

Vierer denken häufig, sie sind ihre Gefühle und nehmen ihr emotionales Leiden willig an. Da hilft es, Strukturen in den derzeit oft strukturlosen Alltag zu bringen und für einen geregelten Tagesablauf zu sorgen, um sich aus negativen Gefühlen herauszuholen.

 

Typus 5 – Beobachter

In Zeiten wie diesen werden Fünfer zu wahren Informationsjunkies in Sachen Corona – sind doch Informationen für sie DER Schlüssel zum Überleben. Geübt in „splended isolation“, sammeln sie viel Wissen in ganz unaufgeregter Weise.

Das Bewusstsein, dass Wissen die einzige Ressource ist, die sich vermehrt, wenn man sie teilt, ist Fünfern oft schwer zugänglich. Die vielen gesammelten Informationen könnten jedoch besonders jetzt für andere sehr nützlich sein.

 

Typus 6 – Loyale

Sechser bereiten sich immer auf das Schlimmste vor und haben für jede Ausnahmesituationen stets ihren Notfallplan parat, auch wenn sie dabei das Beste hoffen. Eine Krise trifft sie daher kaum unvorbereitet.

Die Furcht im Kopf, die all die „worst-case“-Szenarien entstehen lässt, ist oft viel größer als die Bedrohungen im realen Leben. Die Empfindungen des Körpers vermehrt zu spüren hilft, mentale Angst von echter Gefahr zu trennen, und entspannt.

 

Typus 7 – Enthusiast

Siebener empfinden Einschränkungen und Regeln als extrem unangenehm. Abhilfe schaffen sie, indem sie den Kontext für sich positiv umgestalten und sich etwas Angenehmes als Ausgleich für Unannehmlichkeiten gönnen. So behalten sie ihren Optimismus.

Das Durchhaltevermögen ist begrenzt, wenn alles Unangenehme so ganz aus dem Bewusstsein verbannt ist. Das könnte dazu führen, dass Siebener – entgegen den Vorschriften – mancher Verlockung nicht widerstehen, und sich sowie anderen dadurch womöglich schaden.

 

Typus 8 – Herausforderin

Achter haben den Drang und die natürliche Begabung, auch jenen eine Stimme zu geben, die selbst nicht gehört werden. Sie beziehen ganz klar Position und setzen sich nicht nur effektiv für die eigenen Anliegen ein, sondern auch jener, die sie vertreten.

Achter reagieren mit Zorn und Ungeduld, wenn sie gesagt bekommen, was sie zu tun oder zu unterlassen haben, oder wenn Positionen nicht klar abgesteckt sind. Ungeduld ist derzeit nicht bei jeder Unklarheit angebracht!

 

Typus 9 – Friedliebender

Von Neunern erleben wir enormes Entgegenkommen – vor, während und sicherlich auch nach einer Krise! Die Bedürfnisse und Ansichten der Anderen sind ihnen enorm wichtig und es fällt ihnen leicht, die eigenen Wünsche zu deren Wohl zurückzustellen.

Da für Neuner alle und alles gleich wichtig zu sein scheint, verzetteln sie sich leicht und vergessen dabei ihre eigenen Prioritäten. Eine Struktur zu schaffen, um ihre Energie für fokussiertes Handeln einteilen zu können, ist das Gebot in der Krise (und danach!).

 

Zum Abschluss möchte ich nochmals den von mir so verehrten Karl Valentin zitieren, der sein gesamtes Leben als einzige Krise empfand. Sein Rat: Man soll die Dinge nicht so tragisch nehmen wie sie sind. Soll man?

 

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